Unsere Vorträge und Diskussionen

Oktober 2026: Dr. Andreas Gehrlach, Wien: Geschichte der Utopien
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Juni 2026: Dr. Ursula Kampmann, Die Manesse Bibliothek als Arche Noah der Weltliteratur
Die Quintessenz der Manesse-Bibliothek der Weltliteratur lässt sich als eine grosse Liebeserklärung an die Literatur zusammenfassen. Sie war weit mehr als nur eine Buchreihe; sie fungierte als „Leserschule“ und Kanonmodell, das dem Publikum helfen sollte, gute Literatur zu erkennen und sich durch das Lesen in das Denken anderer Menschen einzufühlen.
Die wesentlichen Pfeiler dieses Konzepts waren:
- Historische Verantwortung: Gegründet 1944 in einer Zeit der Zensur und des Krieges, verstand sich der Verlag als Bewahrer der Literatur, als ein „kleines gallisches Dorf“, das den kulturellen Kanon gegen Nationalismus und Diktatur verteidigte.
- Qualität und Vermittlung: Der Anspruch lag auf herausragenden Übersetzungen, ergänzt durch prägnante Kommentare, die es dem Leser ermöglichten, Werke historisch und biografisch einzuordnen, ohne sich in 50-seitigen Abhandlungen zu verlieren .
- Anpassung an die Lebensrealität: Das Programm war klug kuratiert – von Anthologien für kurze Lesezeiten in arbeitsreichen Zeiten bis hin zu gezielten Zielgruppenangeboten (Romantik für Frauen, düstere Erzählungen für Männer, Märchen für Kinder) .
- Wagnis und Überraschung: Trotz des Fokus auf absatzsichere Klassiker (Goethe, Fontane, Hesse) integrierte der Verlag immer wieder mutige, unerwartete Titel, die gesellschaftliche Vorurteile herausforderten, wie etwa jüdische, afrikanische oder Sinti-und-Roma-Literatur .
- Identität durch Beständigkeit: Das über Jahrzehnte nahezu unveränderte, ikonische Design mit den bunten Banderolen machte die Reihe zu einem Sammelobjekt, das weit über den reinen Textinhalt hinaus eine ästhetische und kulturelle Konstante im Leben der Leser darstellte.
Letztlich war die Manesse-Bibliothek ein Versuch, Poesie als „Gemeingut der Menschheit“ (im Sinne des späten Goethe) zugänglich zu machen und den Lesern zu ermöglichen, das Allgemein-Menschliche jenseits des Exotischen zu entdecken.
Juni 2026: Qing Wang, Chinas neue Generation - Zwischen globaler Vernetzung, Widerstand und der Suche nach Sinn
In einer Welt, die von zunehmender Polarisierung geprägt ist, bietet die Perspektive der jungen, gut bebildeten Stadtbevölkerung in China einen entscheidenden Einblick in die komplexen gesellschaftlichen Umbrüche des Landes. Eine Diskussion am 9. Juni 2026, geführt mit der Journalistin und Podcasterin Qing, beleuchtet die Motivationen, Werte und Herausforderungen dieser Generation. Ihr chinesischsprachiger Podcast, der 2019 unter dem Namen „Weirdo“ startete, hat sich zu einer wichtigen Stimme entwickelt, die eine Brücke zwischen dem Leben in China und der globalen chinesischen Diaspora schlägt. Er fungiert als Fenster in eine Gesellschaft, deren Jugend nach neuen Wegen jenseits traditioneller Erwartungen und westlicher Vorbilder sucht.
Ein tiefgreifender Wandel zeigt sich im Verhältnis der jungen Chinesen zu Geld und Arbeit. Während ihre Eltern, geprägt von den Entbehrungen der Vergangenheit, Geld primär als Sicherheitsnetz sahen, betrachtet die heutige urbane Jugend es als Schlüssel zur Freiheit. Es ist das Mittel, um dem unerbittlichen Leistungsdruck und der als sinnlos empfundenen gesellschaftlichen Stagnation, der „Involution“, zu entkommen. Dieser Wunsch manifestiert sich im passiven Rückzug des „Lying Flat“ (flach liegen) oder im aktiven Streben nach einem frühen Ruhestand. Die Arbeit verliert ihre identitätsstiftende Funktion; sie wird nicht mehr als Lebensinhalt, sondern oft als reine Einkommensquelle oder gar als Ausbeutung wahrgenommen. Der Glaube an den Aufstiegsmythos, wie ihn einst Jack Ma verkörperte, ist verblasst. Stattdessen sucht die Jugend Sinn in Hobbies, Gemeinschaften und persönlichen Interessen.
Während Ereignisse wie die Proteste mit den "white papers" seltene und sichtbare Formen öffentlichen Ausdrucks offenbarten, vollzieht sich der von Qing beschriebene Generationenwandel meist auf leisere und privatere Weise. Viele junge Menschen suchen nach neuen Lebensentwürfen, ziehen sich bewusst aus bestimmten Erwartungen zurück oder treffen Entscheidungen, die ihnen mehr persönliche Freiheit und Selbstbestimmung ermöglichen. Diese Entwicklungen sollten nicht ausschliesslich als politischer Widerstand verstanden werden. Vielmehr können sie als langfristige Strategien der Selbstfürsorge, der Wahrung von Autonomie und der Verringerung persönlicher Risiken interpretiert werden.
Qings Podcast schafft Raum für differenzierte Gespräche über sensible gesellschaftliche Themen. Dabei stehen weniger politische Konfrontation als vielmehr persönliche Geschichten, individuelle Erfahrungen und gelebte Lebensrealitäten im Mittelpunkt. Das Motto „das Persönliche ist politisch“ wird zur Leitlinie, um durch das Teilen individueller Geschichten gesellschaftliche Veränderungen anzustossen. Diese Arbeit richtet sich an eine gebildete, liberal gesinnte Zielgruppe, die nach einer tiefen Desillusionierung gegenüber westlichen Demokratiemodellen nach einem eigenen, chinesischen Weg für eine gute Gesellschaft sucht.
Ein überraschendes Feld, auf dem sich verschiedene gesellschaftliche Strömungen treffen, ist der Umweltschutz. Progressive Kräfte sehen ihn als Teil ihrer Agenda, während konservative Kreise ihn als Instrument für nationales Prestige nutzen, da China sich zum führenden Akteur bei grünen Technologien entwickelt hat. Hinzu kommt eine große pragmatische Mehrheit, die umweltfreundliche Technologien wie Elektroautos nicht aus Ideologie, sondern aus praktischen Erwägungen annimmt. Diese Konvergenz, gestützt durch die offizielle Politik der Kommunistischen Partei, hat dem Umweltschutz eine neue Dynamik verliehen.
Letztlich ist Qings Arbeit mehr als nur ein Podcast; es ist ein Versuch, Empathie in einer polarisierten Welt zu fördern und ein differenziertes Bild des modernen Chinas zu zeichnen. Ihre Bemühungen spiegeln die Suche einer ganzen Generation wider: einer Generation, die trotz aller Widersprüche und Herausforderungen aktiv und anpassungsfähig ihre Zukunft und die der Welt mitgestalten will.
April 2026: Prof. B. Schefold, Auf dem Weg zu einer Weltgeschichte der Nationalökonomie
Professor Schefold zeichnet eine Weltgeschichte ökonomischen Denkens, die den Blick über den europäischen Kanon hinaus erweitert. Ausgangspunkt ist die von ihm mitkuratierte Buchreihe „100 Klassiker der Nationalökonomie“, die wirtschaftliches Denken aus Europa, der arabischen Welt, China und Japan zusammenführt.
Den ersten Schwerpunkt bildet Aristoteles. Für ihn ist Wirtschaft untrennbar mit Ethik und Politik verbunden. Geld und Vermögen dienen dem guten Leben in der Gemeinschaft, während die unbegrenzte Jagd nach Geld kritisch gesehen wird. Daraus erklärt sich auch seine Ablehnung des Zinses und seine Vorstellung, dass wirtschaftliches Handeln stets in soziale Beziehungen eingebettet bleiben muss.
Mit Ibn Khaldun folgt ein völlig anderer Ansatz. Seine Theorie der Asabiyya beschreibt, wie Gruppensolidarität Aufstieg und Niedergang von Staaten bestimmt. Wirtschaftlicher Erfolg hängt dabei eng mit politischer Ordnung und gesellschaftlichem Zusammenhalt zusammen.
Die chinesische Salz- und Eisendebatte von 81 v. Chr. zeigt einen frühen Streit zwischen staatlicher Wirtschaftslenkung und konfuzianischem Vertrauen auf Tugend, Landwirtschaft und maßvolle Politik. Diskutiert werden Monopole, Steuern, Geld, Versorgungssicherheit und die Rolle des Staates – Fragen, die bis heute aktuell sind.
Miura Baien schließlich kritisiert im Japan des 18. Jahrhunderts die zunehmende Geldwirtschaft, Inflation und Verstädterung. Seine Antwort ist eine Rückbesinnung auf konfuzianische Werte und eine stärker agrarisch geprägte Gesellschaft.
In der Diskussion betont Schefold, dass diese historischen Modelle keine direkten Lösungen für heutige Probleme liefern. Sie eröffnen jedoch alternative Perspektiven auf grundlegende Fragen nach Geld, Staat, Märkten, Gemeinwohl und wirtschaftlicher Ordnung. Gerade im Blick auf China zeigt sich, wie historische Traditionen bis heute wirtschaftspolitisches Denken beeinflussen.

Mustersprache: Einführung durch Dr. Sigrun Preissing über erfahrungsbasiertes Wissen.
„Mustersprache“ ist eine Methode, um Wissen aus einem bestimmten Bereich so zu sammeln und weiterzugeben, dass nicht nur Gedanken und Ideen, sondern auch Gefühle und praktische Erfahrungen einbezogen werden. Eine Mustersprache besteht aus vielen erprobten Lösungsansätzen für typische Situationen – und gleichzeitig ist sie ein Gespräch zwischen den Menschen, die sich mit einem Thema beschäftigen.
Die Referentin ist Mitentwicklerin der Mustersprache des Commoning. Diese macht gemeinschaftlich gesammeltes Wissen zugänglich – zum Beispiel darüber, wie gleichberechtigte Entscheidungen getroffen werden können, wie Wirtschaften fürsorglich gestaltet werden kann und wie friedliches Zusammenleben gelingen kann. Es ist die erste bekannte Mustersprache, die in einem kollektiv getragenen Prozess entwickelt wird.
Sigrun Preissing ist promovierte Wirtschaftsethnologin, Aktivistin und Bildungsarbeiterin. Sie gestaltet mit anderen die Commons-Sommerschulen, veröffentlicht Texte zu Selbstorganisation und Gemeingütern und begleitet Projekte, in denen Menschen gemeinsam und selbstbestimmt handeln.
Prof. Christoph Riedweg: Platons Akademie als politische Kaderschmiede. Zum Erziehungsprogramm für Politiker.
Die politischen Entwicklungen Athens im Verlauf des 5. Jahrhunderts v. Chr. zeigen bei näherer Betrachtung erstaunliche Parallelen zur Gegenwart: Auf eine Boomphase folgte eine Zeit grosser Verunsicherung, populistischer Exzesse und auch kriegerischer Auseinandersetzungen, die mit einem weitgehenden Zerfall moralischer Orientierungen einhergingen. Wie Platon, der Meisterschüler des Sokrates, auf diese Veränderungen reagierte, ist bis heute höchst lehrreich.
Christoph Riedweg ist emeritierter Professor für Klassische Philologie / Gräzistik der Universität Zürich, ehemaliger Direktor des Istituto Svizzero di Roma und Mitgründer des ZAZH – Zentrum Altertumswissenschaften Zürich. Die bis heute ungebrochene Aktualität des antiken und insbesondere des platonischen Denkens gehört zu den Schwerpunkten seiner Forschungen.
Prof. Oliver Schlaudt: Vom Geld geblendet. Über die Weltvergessenheit der Ökonomie.
Professor Oliver Schlaudt kritisiert in seinem Vortrag die „Weltvergessenheit" der modernen Ökonomie. Die vorherrschende Wirtschaftslehre betrachte wirtschaftliche Prozesse fast ausschließlich durch die Brille des Geldes und verliere dabei die materielle und ökologische Realität aus dem Blick. Geld sei zwar ein wichtiges Instrument zur Koordination wirtschaftlicher Entscheidungen, dürfe aber nicht mit der Wirtschaft selbst verwechselt werden.
Schlaudt knüpft an die ökologische Ökonomie der 1960er- und 1970er-Jahre an, die Wirtschaft als Teil der Natur versteht. Unbegrenztes Wachstum auf einem endlichen Planeten sei kein tragfähiges Konzept. Stattdessen müsse Wirtschaft als gesellschaftlicher Stoffwechsel begriffen werden, der Energie, Rohstoffe, Arbeit und Geld miteinander verbindet.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die historische Entwicklung menschlicher Energie- und Ressourcennutzung -- vom Feuer bis zu fossilen Energien. Wirtschaftsgeschichte ist für Schlaudt daher immer zugleich Natur- und Kulturgeschichte.
Kritisch beurteilt er den Handel mit Verschmutzungsrechten und die rein monetäre Bewertung ökologischer Schäden. Märkte und Preise seien wichtige Koordinationsmechanismen, könnten ökologische Grenzen jedoch nicht allein sichern. Wirtschaftliche Entscheidungen seien immer auch normative Entscheidungen.
In der Diskussion betont Schlaudt, dass menschliches Verhalten weder rein egoistisch noch festgelegt ist, sondern von sozialen und kulturellen Bedingungen geprägt wird. Er plädiert für eine Wirtschaftswissenschaft, die historische, ökologische und ethische Perspektiven stärker integriert und so ein realistischeres Verständnis von Wirtschaft und Gesellschaft vermittelt.
März 2025: Walter Oetsch: Mythisches Denken in Politik und Ökonomie
Unsere scheinbar rationalistische Gesellschaft ist in Teilbereichen Mythen unterworfen. Dazu gehören die Mythen, die rechte Politiker über die Geschichte verbreiten. Im Vortrag wird erörtert, was die Merkmale eines Mythos sind, wann es gerechtfertigt ist, von einem mythischen Denken zu sprechen und welche Folgen ein mythisches Denken für die Bewältigung von politischen und ökonomischen Problemen hat.
Walter Ötsch ist Seniorprofessor an der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung Koblenz. Er forscht zur Kulturgeschichte des ökonomischen Denkens, zur Geschichte der Wahrnehmung, zur Wirkung ökonomischen Denkens auf die Gesellschaft und zu Fragen der politischen Kommunikation, vor allem in Bezug auf den Rechtspopulismus und -radikalismus.

November 2024: Nana Geng erklärt 36 Strategien, Einblicke aus chinesischen Boardrooms.
Nana Geng zeigt, wie die alten chinesischen „36 Strategien“ bis heute das Denken vieler chinesischer Unternehmer und Manager prägen. Die ursprünglich aus der Kriegskunst stammenden Taktiken werden nicht als Aufforderung zur Täuschung verstanden, sondern als Denkwerkzeuge für Verhandlungen, Wettbewerb und langfristige Unternehmensführung.
Anhand zahlreicher Unternehmensbeispiele – darunter Alibaba, Geely, Pop Mart, Taobao, Starbucks und AOKANG – erläutert sie, wie strategische Geduld, Anpassungsfähigkeit und indirektes Vorgehen zum Erfolg führen können. Zentrale Prinzipien sind: den richtigen Zeitpunkt abwarten, Allianzen bilden, die Stärken anderer nutzen, Gegner aus ihrer Komfortzone locken, kleine Opfer für größere Ziele in Kauf nehmen und auch in schwierigen Situationen handlungsfähig bleiben. Erfolg entsteht weniger durch direkte Konfrontation als durch kluge Vorbereitung und flexible Anpassung an die jeweilige Situation.
Ein zweiter Schwerpunkt ist der Vergleich chinesischer und westlicher Geschäftskulturen. Während westliches Management stärker auf Regeln, direkte Kommunikation, Individualität und schnelle Entscheidungen setzt, betont die chinesische Tradition Beziehungen, indirekte Kommunikation, langfristiges Vertrauen und situationsbezogenes Handeln. Führung, Verhandlungen und Konfliktlösung orientieren sich stärker an Harmonie und dem Erhalt tragfähiger Beziehungen als am unmittelbaren Durchsetzen eigener Interessen.
Das Fazit lautet: Wer in China erfolgreich sein will, sollte nicht nur den Markt verstehen, sondern auch die dahinterliegende strategische Kultur. Die „36 Strategien“ bieten dafür einen Schlüssel, weil sie langfristiges Denken, kulturelle Sensibilität und taktische Flexibilität miteinander verbinden.
Mai 2024: Vernissage für "Eine kleine Philosophie des Geldes"; die Autoren Oliver Schlaudt und Frank Engster zum Thema Geld im Zeitalter seines physischen Verschwindens.
Eine kleine Philosophie des Geldes im Augenblick seines Verschwindens versteht Geld nicht als bloßes Tauschmittel, sondern als grundlegende gesellschaftliche Institution. Die Autoren Aldo Haesler, Frank Engster und Oliver Schlaudt zeigen, wie Geld Wirtschaft, Politik, soziale Beziehungen und sogar unser Denken prägt. Es schafft Märkte, beeinflusst Machtverhältnisse und ermöglicht zugleich neue Formen von Abhängigkeit, insbesondere durch die Dominanz der Finanzwirtschaft.
Das Buch verbindet ökonomische, philosophische und soziologische Perspektiven. Es untersucht Geld als kulturelles und kognitives Phänomen und fragt, wie es unser Verständnis von Wert, Zeit und Zukunft verändert. Zugleich hinterfragt es die Selbstverständlichkeit des modernen Geldsystems.
Der Titel verweist auf die Möglichkeit, dass sich Geld gegenwärtig grundlegend wandelt – etwa durch Digitalisierung, Finanzialisierung oder neue Zahlungsformen. Die Autoren fragen, ob das traditionelle Geld verschwindet oder lediglich seine Gestalt verändert. Das Buch bietet keine einfachen Antworten, sondern regt dazu an, die Rolle des Geldes in der modernen Gesellschaft neu zu überdenken.